Zeuge eines unvorstellbaren Grauens

Über zwei Stunden lang herrscht absolute Stille in der Mensa der IGS am Abend des 10. November. Ergriffen lauschen die Schüler den Worten von Jacob Odinius von der Bildungsinitiative "das andere Leben", der auf der Bühne aus den Erinnerungen des Holocaust-Überlebenden Solly Ganor vorliest.

Im Rahmen des Projektunterrichts haben Schüler der Jahrgangsstufe 12 diesen Kulturabend der Oberstufe zum Thema Holocaust vorbereitet. Sie moderieren die Lesung des ehemaligen Bundeswehroffiziers. Er liest Passagen aus dem Buch "Das andere Leben", das sein Freund Solly Ganor über seine Kindheit im Holocaust verfasste. Der Beginn dieser Freundschaft sei 1995 eine Begegnung im ehemaligen Nazi-Bunker Weinberg II in Landsberg am Lech gewesen, erfahren die Zuhörer. Der damals für die Erinnerungsarbeit zuständige Stabsoffizier Odinius führte Überlebende des Konzentrationslagers Dachau durch den monströsen Betonmoloch. Beim Bau dieser unterirdischen Anlage, in der Flugzeuge produziert werden sollten, kamen 15000 Zwangsarbeiter 1944/45 unter unvorstellbarem Grauen um. Ganor war 17jährig Zeuge dieser "Vernichtung durch Arbeit".

Vor dieser Begegnung habe er sich als Besatzungskind immer für unterprivilegiert gehalten, gestand Odinius nicht ohne Larmoyanz. Dafür habe er sich angesichts des Schicksals von Ganor geschämt. Der Jude aus Litauen siedelte sich nach dem Kriege in Israel an. Seine Erinnerungen an die Jugendjahre im Ghetto Kaunas und im KZ Stutthof, an Selektion, Deportation, Hunger, Elend und den Todesmarsch in Richtung Alpen schrieb er erst im Rentenalter auf. "Das sind 500 Seiten Horror", so Jacob Odinius, der seit seiner Pensionierung die Botschaft seines Freundes an die Jugend in Deutschland überbringt.

Er liest Passagen über Sollys Kinderfreundschaft mit Hansi, der ihn später als Hiltlerjunge rettet und damit Charakter beweist. Mit einer Prise Humor schildert er, wie Ganor einem Schwein die Futterkartoffeln stielt. Im Ghetto sind Bücher für ihn und seine hungernden Leidensgenossen eine Rettungsinsel. Für die in der Tradition der jüdischen Geschichtenerzähler aufgewachsenen Jugendlichen wird Literatur und das Sammeln von Büchern mitten im Elend zur Passion.

Beklemmend ist die Schilderung der Misshandlung von Häftlingen beim Bau des Bunkers in Landsberg. Entkräftet fallen sie in den flüssigen Beton. Besonders makaber sei es, dass die Ingenieure zuvor akribisch berechneten, wieviel "Biomasse" die Statik des Bauwerkes aushält, so Odinius. Der qualvolle Todesmarsch endet für Solly Ganor im April 1944. Der 17-Jährige trifft nach einer verschneiten Mainacht US-Soldaten, die ihm Schokolade schenken.

"Woher kam der Hass gegen die Juden und warum nahmen es alle hin?" fragen die Schüler. Das Christentum habe unterschwellig die Propaganda gegen die Juden geschürt, meint Odinius. Er verweist auf Judas und die Schimäre von der Schuld des jüdischen Volkes am Christusmord. Auch das mittelalterliche Zunftverbot sowie den Neid gegenüber hoch gebildeten und vermögenden Juden führt er als Grund für den Antisemitismus an.

Der Vorleser präsentiert den schweren Stoff ein wenig jovial, fast als Abenteuerreise und gibt sogar einen jüdischen Witz zum Besten. Damit fesselt er seine jungen Zuhörer.

"Warum hat der Holocaust-Überlebende keinen Hass in sich?" lautet eine weitere Frage der Schüler. Die Deutschen von heute seien nicht die Täter. Heute gebe es Freiheit und Demokratie in Deutschland, habe sein Freund ihm versichert, so der Referent. Der Dialog zwischen Überlebenden und jungen Deutschen müsse fortgesetzt werden. "Die Millionen Toten, die Hitlers 1000jähriges Reich hinterlassen hat, sind ein Vermächtnis der Scham, das ewig währen wird. Schämen: ja. Schuld: nein" schloss er.